Matthias Gerhards hat eine eindeutige Meinung. „Für mich ist der Gesellenbrief wichtiger als mein Abitur“, erklärt der 22-Jährige. „Das Abitur eröffnet einem Möglichkeiten, aber mit dem Gesellenbrief habe ich etwas Reelles in der Hand. Damit kann ich auch in Zukunft etwas anfangen.“ Für den gebürtigen Düsseldorfer war die Zeit an der Hulda-Pankok-Gesamtschule vom Realschulabschluss bis zur schulischen Reifeprüfung die Chance, sich beruflich zu orientieren, festzustellen, was er beruflich wirklich machen möchte. „Ich habe in der 12. Klasse ein zweites Praktikum bei Elektrotechnik Thomas Conen in Volmerswerth gemacht, um meine Entscheidung, eine Elektrikerlehre anzufangen, zu festigen“, so Gerhards. „Danach war die Idee fix. Auch weil das Conen-Team einfach super ist.“ Weil Thomas Conen Matthias Gerhards bei den beiden Schülerpraktika kennen- und schätzen gelernt hatte, brauchte es keine offizielle Bewerbung mit Lebenslauf und Zeugnisse. Es gab lediglich ein klärendes Gespräch und Gerhards war Conens Azubi.
Das Ganze gipfelte in einer ausgelassenen Lossprechungs-Feier im Stahlwerk, die die Elektroinnung Düsseldorf für die 90 Neu-Gesellen organisierte. „Die jungen Herren und Frauen haben das Stahlwerk zum Beben gebracht. Es wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert“, freute sich Innungs-Obermeister Kai Hofmann. „Es ist immer schön zu sehen, mit welcher Energie die jungen Leute in ihren nächsten Lebensabschnitt starten.“
In die Freude mischt sich aber auch ein sorgenvoller Blick. „Die 90 neuen Gesellen reichen nicht aus, um die Fachkräfte, die im Jahr 2025 aus dem Berufsleben ausscheiden, zu kompensieren“, offenbart der Obermeister. „Das bedeutet, dass sich der Fachkräftemangel im Bereich Elektrik weiter verschärfen wird.“
Für die neuen Gesellen indes ist das keine schlechte Nachricht – werden ihre Fachkenntnisse doch ein gesuchtes Gut bleiben und damit dürften sie ihre Arbeitsplätze ziemlich sicher haben.
Auch das beging Gerhards zusammen mit den 89 neuen Berufskollegen, seiner Familie und der gesamten Conen-Truppe im Stahlwerk. „Ich habe ’nen Fässchen Bier ausgegeben und mich damit bei denen bedankt, die mich als Azubi haben ertragen müssen“, meint Gerhards augenzwinkernd. „Es hat mir mehr Spaß gemacht, mit meinen Leuten zu feiern, als auf der großen Bühne den Gesellenbrief zu erhalten.“ Kein Wunder, wusste er doch bereits seit Januar, nachdem er seine Prüfung erfolgreich abgelegt hatte, dass er sich Geselle nennen darf. „Jetzt seid ihr ausgebildet und kümmert euch mit um die nachfolgenden Azubis. Jetzt plant ihr selber die Arbeitsausführung und das benötigte Material“, lobte Hofmann. „Ihr schraubt mit am Klimaschutz und an der Energiewende. Denn wir Elektriker sind unverzichtbar!!!“
Dass die 90 einen wichtigen Lebensabschnitt hinter sich gebracht und einen großen Schritt in einen neuen Lebensabschnitt getan haben, wurde auch durch einige Gäste der Lehrlings-Lossprechung verdeutlicht. Aus der Landeshauptstadt waren mit Bürgermeisterin Clara Gerlach, Bürgermeister Josef Hinkel und Stadtdirektor Burkhard Hintzsche gleich drei hochrangige Vertreter gekommen. Das Handwerk der Landeshauptstadt wurde u.a. durch Präsidenten der Düsseldorfer Handwerkskammer Andreas Ehlert vertreten. Aus der Industrie kam die Vorstandschefin der Stadtwerke Netzgesellschaft Charlotte Beissel. Und auch der Präsident der Aachener Handwerkskammer Marco Herwartz war im Stahlwerk zu Gast.
Sie alle genossen die Auftritte der bläserlastigen Wersten Music Company, der Drummer-Könige von The Real Safri und die grandiose Tanzeinlage der Tanzgruppe Klingenstadt Solingen, die in mehrstöckigen Pyramidenbau gipfelte. Die Party konnte beginnen.
Allerdings sind die aktuellen Zeiten nicht so, dass es sich wirklich ausgelassen feiern ließe. „Es gibt immer noch Krieg in der Ukraine und ein vom Volk gewählter Despot ist ins Weiße Haus eingezogen. Bei ‚dem‘ wissen wir leider nie, was als nächstes kommt bzw. was ‚er‘ als nächstes tut. Er kündigt Jahrzehnte alte Bündnisse auf und wirft die Weltordnung komplett durcheinander. Darum ist es umso wichtiger, dass wir zusammenstehen und uns vertrauen“, erläutert Obermeister Hofmann. „Wir müssen aufpassen, dass unsere Demokratie bestehen bleibt und dafür und für unsere Rechte und Freiheit kämpfen. Obwohl, kämpfen ist das falsche Wort: Wir müssen dazu einstehen, zusammen darauf achten und etwas dafür tun. Zuallererst wählen gehen und Behauptungen im Netz und überall kritisch hinterfragen. Z.B. Fake News… Doch damit sage ich Euch nichts Neues.“
Die globale Zukunft hält also viele, vielleicht auch unangenehme Überraschungen parat. Die Zukunft der neuen Gesellen ist allerdings gesichert, ob im In- oder Ausland, urteilt Bürgermeister Joseph Hinkel, der selber Bäckermeister ist. Kai Hofmann ergänzt dazu: „Handwerk Made im Germany, ist auf der ganzen Welt anerkannt“, „Ihr könnt überall auf der Welt eure Erfahrungen sammeln.“ Somit sind die neuen Gesellen nicht nur im Bereich der Elektro-Innung Düsseldorf, sondern bspw. auch in den USA, Neuseeland oder Kanada gesuchte Mitarbeiter. Das gefällt auch Gerhards. „Ich hatte nie Zweifel an meiner Berufswahl“, verrät der Geselle. „Ich gehen diesen Weg auch weiter. Ab Januar 2026 bin ich an der Meisterschule.“

